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Wenn die
Konfessionsgrenzen einfach fallen
Zweite Nacht der Kirchen lockt gut 8.000
Menschen in St. Galler Gemeinden – "Ökumenischer
Weg geht weiter"
Vorspann: Mehr als 8.000 Menschen haben am
Samstag in St. Gallen die zweite "Nacht der
Kirchen" gefeiert. Erstmals öffneten bei dem
schweizweit einmaligen Anlass auch orthodoxe
Gemeinden, Frei- und Migrationskirchen ihre
Tore. Pfarrer Carl Botschi vom Organisationsteam
sprach von einem "starken Zeichen der Ökumene".
Von Wolfgang Frey, St. Gallen
Text: Gabriele Engler ist um 22.30 Uhr schon
etwas ausser Atem: "Ich muss mich erstmal
stärken." Neben ihr das Programmheft der zweiten
St. Galler Nacht der Kirchen, in dem sie einiges
angestrichen hat, vor ihr ein Teller
Rüblicrémesuppe mit Orange und Ingwer. Vier
Sorten Suppen gibt's im "Pilgerstübli für
Kirchennachtschwärmer" im Waaghaus am Bohl in
der St. Galler Innenstadt; und Gabriele Engler
ist nicht die einzige St. Gallerin, die sich
dort zur Stärkung an einem der langen Holztische
niedersetzt, um zu verschnaufen. Bis 23 Uhr hat
das Team der evangelischen Sozialdienste dort
mehr als 100 Liter Suppe an rund 400 Besucher
ausgegeben. "Eigentlich müsste das ganze zwei
Nächte lang gehen", sagt Gabriele Engler. "Es
gibt in dieser Nacht so viele grossartige
Angebote, das schafft man an einem Abend gar
nicht alles."

Friede statt Krieg
50 Kirchengemeinden haben bei dieser Nacht der
Kirchen mitgemacht, zehn mehr als bei der ersten
vor drei Jahren. Zum ersten Mal sind am Samstag
neben den evangelisch-reformierten,
römisch-katholischen und christkatholischen auch
die orthodoxen Kirchen mit dabei, die
Freikirchen und auch die Migrationskirchen –
Gemeinden, die Einwanderer aus aller Herren
Länder in St. Gallen gegründet haben. Und dort
heisst eines der meistgebrauchtesten Worte
schlicht "Willkommen!"
Gebregziabtier Mebrahtu sagt es zu jedem, der am
Samstag den Weg in das kleine ehemalige
Ladengeschäft in der Lustgartenstrasse 5 findet.
Dazu gibt es einen Handschlag, ein Lächeln und
eine ganz besondere Zeremonie. "Die
Kaffeezeremonie mit frisch gerösteten Bohnen und
selbst gebackenem Himbasha-Brot hat eine ganz
grosse Bedeutung bei uns in Äthiopien", sagt
Mebrathu, der in der knapp 50-köpfigen
äthiopisch-eriträischen Agape-Weltgemeinde auch
den wöchentlichen Gottesdienst leitet. "Bei uns
sitzt man dann lange zusammen und redet, das ist
uns wichtig."
"Wir lesen die Bibel"
In dem kleinen Raum der Gemeinde herrscht nicht
nur am Samstag Frieden zwischen Volksgruppen,
die sich in ihrer Heimat bekriegen. "Hier sind
wir uns einig", sagt Mebrathu. "Wir haben mit
unseren Stämmen keine Probleme und auch nicht
mit unseren Konfessionen." In der Gemeinde
feiern Katholiken, Orthodoxe und Protestanten
gemeinsam den Gottesdienst. Mebrathu bringt
diese spezielle Form der Ökumene so auf den
Punkt: "Wir lesen die Bibel."
Die liegt im Gemeindehaus der
evangelisch-reformierten Kirche Winkeln auf dem
improvisierten Altar. Jeden Sonntag treffen sich
dort rund 25 Mitglieder der afrikanischen
Bethesda-Mission zum Gottesdienst. Sie kommen
aus dem Kongo, aus Angola, aus Kamerun oder
Brasilien. In der Nacht der Kirchen liegt das
Aroma afrikanischer Speisen in der Luft und der
exotische Klang einer ganz speziellen Art von
Gospelmusik. "In unseren Gottesdiensten ist
alles etwas interaktiver", sagt Pastor Norbert
Pamba. "Wir feiern eine Lobpreisung mit unserem
Chor, wir singen und tanzen." Er lacht: "Bei uns
ist es nicht so, dass nur der Pfarrer redet."
Der kommt erst am Schluss an die Reihe, mit
einer knapp einstündigen Predigt.
Eine Orgel braucht es nicht
Eine Orgel gibt es im Gemeindehaus. "Aber von
uns kann sie keiner spielen", sagt Pamba.
Stattdessen wird der Chor vom Schlagzeug, einem
Keyboard und Trommeln begleitet. Und noch etwas
ist anders: Wie Violette Kanza, eine der drei
Mitglieder im Rat der Gemeinde, grüssen sich
dort alle mit "Bruder" oder "Schwester". Die
Stimmung hat etwas Herzliches. "Es ist schon ein
bisschen wie eine Familie", sagt Kanza. "Und wir
freuen uns über jeden, der zu uns kommt."
Dass die Agape-Gemeinde, die Bethesda-Mission
und vier weitere Migrationskirchen wie zum
Beispiel die evangelisch-koreanische Gemeinde
oder die Protestantische Kirche Ungarischer
Sprache bei der zweiten Nacht der Kirchen mit
dabei sind, freut Edith Späti ganz besonders.
Sie ist die Ansprechperson der reformierten
Kantonalkirche und hat die Gemeinden eingeladen,
am Samstag mitzumachen: "Sechs von ihnen heute
mit dabei zu haben, ist ein guter Anfang, aber
wir wollen versuchen, die Beziehungen noch
weiter auszubauen." Immerhin seien es
Schwesterkirchen: "Wir wollen für sie offen
sein, sie unterstützen und uns von ihrer
Spiritualität inspirieren lassen, unsere
Botschaft heisst 'willkommen!'"
Pilger, Sturm und Drang
Seit Ostern heisst der Verein der Pilgerherberge
Sankt Gallen Pilger auf dem Jakobsweg in der
Linsenbühlstrasse 61 willkommen. Am Samstag
erlebte die Herberge einen wahren Ansturm von
Neugierigen: "Wir hatten gleichzeitig unseren
Tag der offenen Tür und wegen der Nacht der
Kirchen kamen am Abend auch noch viele Menschen
– manchmal war kein Durchkommen mehr", sagt
Vereinspräsident Josef Schönauer. Rund 300
Besucher haben sich am Samstag die
Räumlichkeiten angeschaut, die drei
Schlafzimmer, in denen binnen eines Monats schon
65 Pilger die Nacht verbracht haben.
Migrationsgemeinden, Sozialdienste,
Pilgerherberge, Kirchen – musikalische,
künstlerische und meditative Angebote: Die
zweite Nacht der Kirchen ist vor allem ein
Erlebnis der Vielfalt. In der Pfingstgemeinde
New Life Church in der Zürcher Strasse hören die
Besucher charismatische Gesänge und
Lobpreisungen, in der Griechisch- und der
Serbisch-orthodoxen Kirche ist bei alten
liturgischen Gesängen vom Band Gelegenheit zur
Einkehr, in der Kathedrale erleben 50 Menschen,
die sich an den Händen halten und im Kreis
tanzen, eine neue Form des Gebets und in der
evangelisch-reformierten Kirche St. Mangen
erklingt ein Orgelkonzert mit Werken von der
Renaissance bis Sturm und Drang.
Im Labyrinth des Lebens
Zu Ende geht die Nacht am Platz vor der
Kathedrale. Dort hat Gabi Beeler zusammen mit
einem Dutzend Helferinnen ein Labyrinth aus
Licht auf den Rasen gezaubert. Im Schein von
1.000 Kerzen suchen dort noch um Mitternacht
zahlreiche Menschen den Weg ins Ziel in der
Mitte und wieder hinaus. "Für mich symbolisiert
das auch den Lebensweg", sagt Gabi Beeler, die
die Idee dazu hatte. "Es geht um das Suchen, das
Finden, das sich Finden, auch einmal um das
Scheitern und wieder Umkehren und um die
Erkenntnis, dass auch das zum Leben dazugehört."
Zur Nacht der Kirchen gehören vor allem das
Kennen lernen und das Entdecken. "Es ist
gelungen", sagt Pfarrer Hansruedi Felix. "Es gab
heute viele neue Begegnungen und der ökumenische
Weg wird weitergehen."
Mehr als ein "Event"
Gabriele Engler fühlt sich inzwischen gestärkt.
Ihre Suppe hat sie fast aufgegessen und sie will
gleich weiter. Wäre die Nacht noch etwas länger,
hätte sie Zeit für noch mehr dieser Begegnungen.
Aber das ist ihr noch wichtig zu sagen: "Ich bin
überall herzlich empfangen worden. Und ich bin
heute nicht hier, weil das ein Event ist. Ich
bin gläubige Katholikin, deshalb bin ich hier."
Und sie hat viele Inspirationen bekommen, andere
Arten kennen gelernt, den Gottesdienst zu
feiern, andere Arten von Spiritualität und
kirchlicher Tradition. "Es ist schön zu sehen,
dass sich noch mehr Menschen auf dem Weg des
Glaubens und der Religion bewegen", sagt sie.
"So etwas wie die Nacht der Kirchen sollte es
unbedingt wieder geben."
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